Silvester-Angst

Das Jahresende ist für viele Hunde mit der Nacht des Schreckens verbunden: sie haben große Angst vor dem Krach und den Blitzen, und damit sind dann auch die Hunde-Eltern froh, wenn der Zauber endlich vorüber ist.

Je nachdem wie stark die Angst eures Hundes ist (dies geht bereits vom leichten Hecheln bis hin zu Zittern, Verstecken, Bellen, Erbrechen, Urinieren, etc.) können einige der folgenden Tipps helfen:

Warum ist mein Hund nicht „schussfest“?
Die sogenannte „Schussfestigkeit“ ist nicht angeboren. Manche Rassen sind zwar tendenziell geräuschempfindlicher (z.B. Hütehunde), manche Rassen ruhen mehr in sich selbst (z.B. Molosser). Trotzdem sollte bei jedem Hund ein Schusstraining mit klassischer Konditionierung statt finden. Dies funktioniert allerdings nur im Welpenalter wirklich gut.
Temperament, Erfahrung und Management (und Hörvermögen) wirken sich unter anderem darauf aus, ob euer Hund auch ohne vorhergehendes Training die Silvester-Nacht gut übersteht.

Sehr viele Hunde aus dem Tierschutz haben Silvester-Angst. Warum?
Angst ist ansteckend. Leider sind Hunde im Tierheim in der Silvesternacht zumeist sich selbst überlassen. Und wenn dann ein Hund hysterisch bellt und heult, dauert es nicht lang, bis die Angst um sich greift. Auch Hunde, die vorher kein Problem mit Silvester hatten, sind nach so einer Nacht traumatisiert – und reagieren beim nächsten Silvester mit Angst. Weitere Gründe sind Lernen durch Nachahmung (https://www.planethund.com/…/imitationslernen-soziale-lernt…) und mangelndes Selbstbewusstsein. Last but not least: Überdurchschnittlich viele Hunde aus dem Tierschutz leiden an einer – unerkannten – Schilddrüsenunterfunktion, welche bekanntermaßen besonders geräuschempfindlich macht (vgl. Studien von Dr. Jean Dodds).

Darf ich meinen Hund trösten, wenn er Angst hat?
Ja! Früher glaubte man, Angst würde durch Trösten bestärkt. Dies wurde aber mittlerweile durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse widerlegt. Wenn der Hund durch Nähe und Zusprache sichtbar ruhiger wird, ist es absolut richtig, dies zu tun. Und andersrum: Es ist überhaupt nicht richtig, einen Hund mit seiner Angst allein zu lassen. Wenn Ihr Hund also zu Ihnen ins Bett oder auf die Couch kriechen möchte, dann machen Sie ihm Platz! Geben Sie ihm die Möglichkeit, sich fest an Sie zu kuscheln, und vermitteln Sie die richtige Stimmung: sicher, gelassen, vertraut. Achten Sie darauf, die Besorgnis aus der Stimme heraus zu halten. Wählen Sie eine entspannte Beschäftigung: Lesen, Fernsehen, Schreiben, Schlafen, … Vermeiden Sie jede Hektik, da schnelle Bewegungen den Hund noch mehr erregen.

Schussangst = Leinenpflicht?
Planung ist das halbe Leben. Gehen Sie nachmittags eine riesengroße Gassirunde im Niemandsland, am besten mit der (Schlepp-)Leine. Seien Sie rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit zurück, denn dann geht es mit dem Geknalle meistens schon los. Wenn Sie einen Hund haben, der bei Angst zu Ihnen gerannt kommt, können Sie ihn frei laufen lassen. Im Zweifelsfall ist es jedoch besser, nicht abzuleinen. Extrem ängstliche Hunde sollten gar nicht ausgeführt werden, sondern nur zum Lösen in den Garten gelassen werden. Ausbruchskünstler sollten mit einem speziellen Sicherheitsgeschirr angezogen werden. Finden Sie übertrieben? Dann lesen Sie mal in der Silvesternacht beim Ticker der Tierrettungsdienste mit. Nicht gut. Gar nicht gut.

Kann man Silvester schön-füttern?
Bei verfressenen Hunden: klar! Sobald es zum ersten Mal kracht, holen Sie die Knabbersachen raus. Keine Sorge, der Hund wird damit nicht für seine Unsicherheit belohnt. Er wird vielmehr aus seinem Jammertal herausgeholt, oder – bei klugem Einsatz und Timing – gar nicht erst zum Jammern kommen. Holen Sie tolle Sachen raus! Zum Beispiel mit Katzenfutter gefüllte Kongs oder fleischige Knochen, wenn Ihr Hund das verträgt. Achten Sie darauf, nicht zu spät mit dem Füttern anzufangen, also nicht erst um 23:55 Uhr. Wenn Ihr Hund schon starke Angst hat, leidet er unter Stress, was wiederum dafür sorgt, dass ihm der Appetit vergangen ist. Dann holt ihn auch kein Hähnchenschenkel mehr aus der Diele raus.

Kann man Silvester schön-spielen?
Beute-Spiele (Ball, Frisbee, etc.) wirken aufpuschend und angstlösend. Das frei gesetzte Adrenalin hilft bei der Situationsbewältigung. Obwohl ich ansonsten kein Fan von Beute-Spielen bin, können diese in Angstsituationen hilfreich sein.
Intelligente Spiele (Nina Ottosson, etc.) heben die Stimmung. Das Gehirn kann nicht logisch denken und gleichzeitig stark emotional reagieren, zum Beispiel mit Panik.
Wenn Sie also in der Silvesterzeit vermehrt die intelligenten Spielzeuge hervorholen, Futterkartons packen, und dem Hund einen Agility-Parcours im Wohnzimmer bauen, ist dies eine richtig gute Idee (http://www.spass-mit-hund.de/…/gemischte-trainingstipps/ti…/).

Kann ein anderer Hund helfen?
Kommt auf den anderen Hund an! Hunde lernen durch Nachahmung, und wenn der andere Hund nicht schussfest ist, wird es wahrscheinlich nach hinten los gehen. Besonders Welpen und Junghunde sind sehr leicht beeinflussbar. Wenn Sie also Silvester bei Freunden verbringen, fragen Sie nach, ob der andere Hund mit der Knallerei Probleme hat.
Leider ist Angst – evolutionär bedingt – ansteckender als Gelassenheit. Handelt es sich jedoch nur um eine leichte Unsicherheit, kann die Anwesenheit eines absolut durchgechillten Hundes eine positive Wirkung haben.

Mein Hund will sich an Silvester verstecken. Soll ich ihn lassen?
Ob es nun das Bad ist, die Diele, im Keller, im Auto oder unterm Bett – Hunde wissen am besten, wo sie sich sicher fühlen. Bad oder Keller sind häufig beliebt, weil die Geräusche gedämpfter und die Fenster klein sind. Wenn sich ein Hund zurückziehen möchte, gilt es, das zu respektieren. Flucht ist eine sehr gute Lösung für einen Konflikt, die wir unseren Hunden nicht nehmen sollten. Kommt er in der Badewanne gut zurecht – warum nicht? Problematisch wird es, wenn der Hund dort nicht nur ein paar Minuten oder Stunden verbringt, sondern Tage. Dann sollten unbedingt die unten stehenden Tipps beachtet werden.

Kann ich meinen Hund an Silvester allein daheim lassen?
Wenn er Angst hat: Nein.
Wenn es sein erstes Silvester (bei Ihnen) ist: Nein.
Wenn er erfahrungsgemäß vollkommen cool ist, einfach in seinem Körbchen weiter schläft, alles abgeriegelt ist, und Sie sicher sein können, dass kein Nachbarskind einen Böller in Ihren Briefkasten wirft: Ja.

Was sollte ich daheim beachten?
Schließen Sie alle Fenster und Rollläden. Sperren Sie die Reize aus. Sorgen Sie für wenig Hall, und machen Sie ein Konkurrenz-Geräusch an, etwa ein Radio oder den Fernseher. Lassen Sie Ihren Hund nicht zum Feuerwerk mit raus, auch wenn er keine Angst zeigt. Warum? Fragen Sie mal Ihren Tierarzt, welche Art von Verletzungen er in am 31. Dezember in den Notdienst bekommt (außer den Autounfällen mit entlaufenen Hunden). Nicht gut. Gar nicht gut.

Ist Alkohol eine gute Idee?
Früher war es ganz normal, dem Hund an Silvester einen Schwups Bier oder Eierlikör zu geben. Ja, Alkohol ist nicht gesund, aber bei einer kleinen Menge einmal im Jahr muss man pragmatisch Kosten-Nutzen im Blick haben, und alle Hysterie wegen Vergiftung oder Abhängigkeit im Zaum halten. Alkohol wirkt zumeist angstlösend und entspannend. Wichtig: mindestens einmal vorher testen, um Reaktion und Menge zu optimieren. Blogger und Tierarzt Dr. Ralph Rückert gibt seinem 10kg schweren Terrier zweimal einen Esslöffel Eierlikör (http://www.tierarzt-rueckert.de/blog/details.php…). Sollten Sie allein schon bei dem Gedanken daran Bauchweh kriegen, dann beschreiten Sie diesen Weg eben nicht.

Was ist mit Thundershirt, Ohrstöpseln, Ohrschützern und Co?
Der Markt für „hilfreiche“ Accessoires ist riesig, und leider ist auch viel Schrott darunter. Ich persönlich kenne keinen einzigen Fall, in welchem ein Thundershirt angezogen wurde, und dies dem Hund signifikant geholfen hat (ich sehe etwa 100 Hunde pro Woche, deren Besitzer ihre Erfahrungen sehr großzügig mit mir teilen). Allerdings habe ich zahlreiche Hunde gesehen, denen in einer Angstsituation ein Body oder Shirt angezogen wurde, und die sich dann noch unwohler gefühlt haben. Also: Rechtzeitig vorher ausprobieren und den Hund genau beobachten.

Was ist mit Medikamenten, Homöopathie, Bach-Blüten und Co?
Geben Sie keine Medikamente, die hauptsächlich Acepromazin enthalten, beispielsweise Sedalin, Calmivet oder Vetranquil. Acepromazin ist sehr umstritten, und entspannt nur die Muskeln, lässt den Kopf aber klar. Der Hund ist also gefangen im Körper (https://www.medpets.de/calmivet/).
Für die Verabreichung von Psychopharmaka (Benzodiazepine) brauchen sie zweierlei:
1. Einen sehr guten Grund. Ihr Hund sollte unter extremer Angst leiden, und nicht nur für eine halbe Nacht.
2. Einen sehr guten Tierarzt. Nicht jeder Tierarzt ist in Verhaltenstherapie und Psychopharmaka geschult.
Psychopharmaka sind heikel. Sie bringen Nebenwirkungen mit sich, und auch die Anwendung ist komplex. Daher braucht es hier unbedingt eine sachliche Kosten-Nutzen-Rechnung: Was ist das kleinere Übel? Für Hunde, die durch Silvester schweren Schaden nehmen und gegebenenfalls wochenlang verängstigt sind, sollte ein Verhaltenstierarzt hinzugezogen werden, der nicht nur die Silvesternacht, sondern auch die Tage außenrum erleichtert.
Bei pflanzlichen Hilfsmitteln, Homöopathie, Bach-Blüten, Nahrungsergänzungsmitteln (z.B. Relaxan), Pheromonprodukten (z.B. Adaptil, DAP) gilt: Augen auf und ausprobieren! Allerdings rechtzeitig vorher. Ich habe hierzu total unterschiedliche Erfahrungsberichte, und möchte darauf hinweisen, dass alles, was gut wirken soll, auch negativ wirken kann. Das gilt auch für die Homöopathie. Darum sollte man, möchte man diesen Weg beschreiten, einen erfahrenen Homöopathen hinzuziehen.

Und wenn alles nicht hilft?
Ab auf die Autobahn. Kein Scherz. Feuerwerk ist auf Autobahnen verboten, und gegen Mitternacht haben Sie dort auch garantiert freie Fahrt. Sie werden erstaunt sein, wie viele Hundehalter Sie auf den Raststätten-Parkplätzen treffen, die mit alkoholfreiem Sekt anstoßen. Voraussetzung ist natürlich, dass der Hund gerne mit im Auto fährt.

Copyright: Sonja Hoegen, dogcom, 2017